Unsere Welt verstellt

Retro-Damaskus: die Verwandlung vom Paulus zum Saulus
Und die Schlandwahl: Über Pippi-Songs, coole Säue, Tempora ohne mores

Jeder von uns hat mal zu irgendeiner Gelegenheit einen schwachen Moment, verabschiedet sich von dem Versuch, die Wirklichkeit möglichst objektiviert zu beobachten, zu analysieren und zu interpretieren. Ich habe meine intellektuelle Auszeit mit der Obama-Kampagne genommen. Sein Wahlkampfslogan Yes, we can hat auch bei mir Hoffnungen ins Kraut schiessen lassen, dass in der realen Welt gute Worte an gute Menschen in guter Absicht gerichtet Gutes in kurzer Zeit bewirken würde.

In den roten Linien verheddert
Die meisten Hoffnungen erwiesen sich jedoch inzwischen als falsch. Z.B. die Blütenträume von einer friedlicheren, um viele Atomwaffen und Konfliktherde befreiten Welt: verwelkt. Im Gegenteil, es kracht an vielen Ecken und Enden weiter oder erneut. Im Nahen Osten droht ein Flächenbrand, der alle Ordnungssysteme, gleich welcher Couleur zum Einsturz zu bringen droht. Neben den bereits altvertrauten Krisenherden wie Palästina und der Irak, köchelt es jetzt auch in Ägypten und in Syrien nimmt der Auflösungsprozess des Staates im Hagel von Giftgasgranaten bizarre Formen an. Millionen Menschen verlieren ihre Heimat, Tausende Monat für Monat ihr Leben und alle die Hoffnung auf ein Ende der Gewalt, ob ohne, ob mit Schrecken. Denn seitdem Obama sich in den selbstgezogenen roten Linien verheddert hat, spielen Putin und seine Gefolgsleute auf Zeit und mit ihm Katz und Maus. Damit steht viel auf dem Spiel, nämlich die Glaubwürdigkeit von sowie den Glauben an den „Westen“, seine Werte und die Macht, diesen Geltung zu verschaffen.

Schlandwahl mit Surrogaten
Ob die Wahlkampfführung der Parteien in Deutschland dazu angetan ist, die Vertrauenswürdigkeit und den Glauben an die Funktionsfähigkeit der Demokratie in Deutschland zu fördern, erscheint vor dem Hintergrund jüngster Stilmittel der Aspiranten als zweifelhaft. Da zeigt der Kandidat der SPD allen mal den Stinkefinger, was angesichts der Lobhudelei seitens seines Parteivorsitzenden als „coole Sau“ durchaus passend erscheint. Klar, dass ein alter Rocker wie Steinbrück es schon mal krachen lässt. Ob die Wähler allerdings grunzend zustimmen werden, scheint fraglich. Unstrittig ist jedoch, dass Andrea Nahles, ihres Zeichen Generalsekretärin der SPD und als solche für die Strategie, Taktik und Tonalität der SPD-Kampagne verantwortlich, eine geradezu saumässige Vorstellung als Sängerin abgegeben hat. Ihre Interpretation vom Jingel der Langstrumpf-Verfilmungen im Bundestag war unterirdisch und ein Hinweis darauf, dass es auch im Bundestag vielfach am guten Ton mangelt! Und wenn die Kanzlerin einzig mit ihrer „Schlandkette“ zu punkten weiss, dann zeigt dies nur, wes Geistes Kind ihre „Anhänger“ sind. Schweigen wir über Trittins Säuernisse, Brüderles schmankerlnde Scherze und die intellektuell hoch aufgeladenen Diskurse der Domina Wagenknecht.

Oh Tempora, oh mores
Schweigen dürfen wir dagegen nicht über die Aktivitäten ausländischer Geheimdienste, die sich des globalen Datamining mit solcher Hingabe und Aufwand widmen, dass jetzt schon klar ist: vor den Ausspähungen der NSA und anderer Geheimdienste sind kein Staat, kein Unternehmen, kein Bürger mehr sicher. Auch wenn sich die ausgefeilten Späh-Programme mit Kryptonamen wie Tempora oder Crystal noch so harmlos geben, inzwischen wissen wir, dass beim Datenklau nichts mehr unmöglich ist. Und durch immer weitere Enthüllungen tritt immer mehr zutage, mit welcher Nonchalance „unsere“ Dienste offenbar jenseits aller Kontrollinstanzen beim Unterlaufen der Datenschutzgesetze behilflich waren. Irgendwie erinnert das an Slapstickszenen, in denen die Polizei zum Schutz der Einbrecher auch noch Schmiere steht. Während vielen privaten Internetnutzern noch nicht ganz klar sein dürfte, was die unkontrollierte Sammlung, Aggregation und mit Algorithmen gegengecheckte Deutung privater Netzdaten anrichten könnte, wenn sich die Schufa, die Werber oder Personalbüros für ihre jeweiligen Zwecke ein Persönlichkeitsprofil erstellen lassen, sind viele Unternehmen aufgeschreckt. Die in den letzten Jahren aus Kostengründen oftmals an spezialisierte Servicegesellschaften oder gleich in die Cloud ausgelagerten IT-Aktivitäten werden derzeit fieberhaft auf ihre Sicherheitskapselung überprüft. Und wie löchrig dieser Schutz sein kann, zeigt der jüngste Datenklau bei Vodafone, dessen Dimensionen derzeit noch gar nicht abgeschätzt werden können. Gleichfalls unbekannt ist auch, wieweit bei den Abhör-Aktionen der NSA et alii als Kollateralnutzen auch qualifizierte Firmeninterna angefallen und entsprechend weiter verarbeitet worden sind. Nicht auszudenken, was los wäre, wenn einer der nächsten Snowden-Botschaften einen solchen Verdacht bestätigen würde! Klar ist, dass wir alle unser Verhältnis zur neuen Datenwelt des Internet neu definieren müssen.

In Memoriam Lehmann
Es gibt immerhin einen gewissen Hinweis dafür, dass solche unlauteren Wettbewerbseingriffe in der Bankenbranche bislang nicht stattgefunden haben. Zumindest vor fünf Jahren, als die Pleite von Lehmann die Initialzündung für eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise bildete, lagen wohl den Entscheidern in den USA und anderswo die relevanten Informationen nicht vor, die sie für eine schonendere Entscheidungskaskade benötigt hätten. Selbst heute verfügen die Aufsichtsorgane immer noch nicht in Umfang und Qualität über die aussagekräftige Infos, die man bräuchte, um eine erneut drohende Krise schon im Ansatz zu erkennen und im Keime zu ersticken. Glaubt man dem ehemaligen US-Finanzminister Paulsen, der mit seiner Entscheidung, den Daumen über Lehmann zu senken, die Krise mit zu verantworten hat, dann stehen die Signale bereits auf Gelb, eine erneute Krise mit weitaus gravierenderen Folgen bleibt also im Bereich der Möglichkeiten. Gründe dafür gibt es viele, bekannte, wie Liquiditätsschwemme, unkontrollierte Märkte und zu geringe Risikopolster; und bislang weniger bekannte, wie die falsche Risikoeinschätzung der BRIC-Staaten und anderer aufstrebenden Ländern, z.B. die lange prosperierende Türkei, die derzeit schmerzhafte Korrekturen an den Kapitalmärkten erfahren. Angesichts dieser von verschiedenen Seiten beschworenen grossen Gefahr wäre es vielleicht an der Zeit, sich der Serviceleistungen der NSA und anderer „Dienste“ zu versichern – wenn sie denn so effizient sind, wie vielfach behauptet und befürchtet!

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