Der große Hoeneß – ein Falschspieler oder die wundersame Verwandlung vom Paulus zum Saulus

Jetzt, da wir und alle Anderen es wissen, wollen wir es immer schon gewusst haben: Die grössten Kritiker der Elche waren früher selber welche oder sind es heute noch! Aber im Ernst:
Man kann gar nicht so viel Humor haben, um darüber noch zu lachen. Der Fall Hoeneß ist eine solche märchenhafte Kombination von Unverfrorenheit, Banalität und professioneller Raffinesse, dass niemand jemals vorher eine solche Story abgekauft hätte. Da hat sich Jahr über Jahr ein Selfmade-Manager und Wurstverkäufer mit bewunderswertem Fleiss, Umsicht, Chuzpe und bajuwarischem Charme ein Reich in unserer Mitte, also München und allüberall in unserer Republik, wo Fussball was gilt, aufgebaut. Ist scheinbar ohne grössere Skandale abseits der Glamour-Pisten bieder und betulich seinen Weg nach oben gegangen. Hat wie ein Baum seine Ringe Jahr für Jahr an Bedeutung, Anerkennung, Beziehungskreisen zugelegt. Bekam bis in die höchsten Spitzen des Freistaates und der Berliner Republik Zugang, Zuneigung und Beifall. Und überhaupt allüberall gesellschaftliche Aufmerksamkeit sowie Anerkennung in den Medien. Dort erhob er sich als strenger Zuchtmeister ein ums andere Mal moralisch über den Bankerstand, die Spekulanten und anderes Gesocks. Und nun die Steuerschulden, den Staatsanwalt und das Bekenntnis eigener Sündhaftigkeit!

Aber es ist ja bei einem der ganz Grossen, zu dem der Hoeneß sich zu verwandeln suchte, nicht einfach ein Steuerdelikt lässlicher Grössenordnung. Nein, es geht um viel, viel mehr, also nicht nur um die zig Millionen, die sich über Jahre hinweg auf Schweizer Konten sammelten. Viel spektakulärer ist dabei die merkwürdige, ja geradezu märchenhafte Herkunft dieser Summen. Angeblich, so erfahren wir es aus dem Hause Hoeneß via Interview, wurden ihm diese Segnungen zuteil, weil ein Freund ihm zur Ausübung seiner Spekulationsfreude einen entsprechend standesgemässen Batzen zur Verfügung gestellt hat. Warum dieser Freund, der inzwischen verstorbene Herr Dreyfuss, ihm diesen Betrag auf ein Konto einer Schweizer Bank einräumte, bleibt im Dunkeln, wiewohl selbst jede grössere Sparkasse oder Volksbank in Deutschland nicht nur happy, sondern auch in der Lage gewesen wäre, Orders an jeden Börsenplatz dieser Welt weiter zu leiten, allerdings wohl immer mit der begleitenden steuerrelevanten Datenerhebung! Da liegt es wohl nahe anzunehmen, dass der Herr Hoeneß von Anfang an „Mist bauen“, also Steuern hinterziehen wollte.

Ein weiteres Stirnrunzeln ruft zudem die Tatsache hervor, dass dieser wundersame Sponsor niemand Anderer war als der mit der Firma FC Bayern durchaus geschäftlich verwobene Geschäftsführer von Adidas, jenem Unternehmen nämlich, das seinerzeit trotz eines höheren Gebotes des Konkurrenten Nike den Zuschlag für Ausrüstung des und Anteile am FC erhielt! Angeblich war Herr Dreyfuss damals schon nicht mehr dabei, und angeblich hatte sowieso das eine mit dem anderen nichts, aber auch gar nichts zu tun. Auf der anderen Seite erfahren wir, dass es immer schon die Geschäftspolitik des Unternehmens Adidas war, einzukaufen, was immer möglich war. Ein Schuft, wer das in Beziehung zum FC Bayern herandenkt!

Für den Beobachter ein ganz besonders rätselhaftes Kapitel ist das, was Herr Hoeneß selbst bei sich als „Spielsucht“ diagnostizierte. Also ein durchaus krankhaftes Verhalten im Umgang mit Geld. War bislang das Bild vom Spieler Hoeneß eher geprägt von einem mit brachialer Kraft bei mässigem Spielwitz agierenden ehemaligen Bundesliga- und Nationalmannschaftsspielers, so erweist sich dies als Zerrbild. In Wirklichkeit war er wohl damals schon aktiv mit spekulativen Geschäften unterwegs, eine Leidenschaft, die ihn wohl schon seit langem begleitete und sich wohl mit den Jahren immer weiter gesteigert haben muss. So jedenfalls könnte man die nunmehr tröpfelnden Berichte u.a.von ehemaligen Mitspielern und Begleitern auf dem weiteren Weg deuten, die von einem von Hoeneß mitgeführten „Pager“ berichteten, einem Gerät, das unter professionellen Händlern weit verbreitet war, bekam man doch damit permanent alle wichtigen Börsendaten realtime zur Verfügung gestellt. Angesichts der beachtlichen Kapriolen, die die Märkte in den letzten Jahren geschlagen haben, grenzt es an ein Wunder, ja ist es auch ein veritables Wunder, dass der Spieler und Spekulant Hoeneß nicht nur unbeschadet, sondern offensichtlich auch mit satten Gewinnen aus all diesen Krisen herausgekommen ist. Anders als viele seiner professionellen Partner an den jeweiligen Märkten hatte er offenbar insgesamt wohl das bessere Händchen. Auch hier, so muss man bewundernd feststellen, denn diese Börsenzockerei war ja nur ein Teil seiner Beschäftigung. Die beiden anderen Teile, nämlich den Ausbau des FC zu einem der sportlich wie wirtschaftlich erfolgreichsten europäischen Vereine einerseits sowie die Führung seiner Wurstfabrik andererseits forderten ja weiter seine Präsenz und Einsatz. Was der FC Bayern noch anstrebt, Hoeneß hat es bereits geschafft: Das Triple, also erfolgreich sein beim Spekulieren, beim FC und bei der Verwurstung.

Aber alle Erfolge, das hohe Ansehen, die Bewunderung so Vieler, die Freunde – alle und Alles sind jetzt weg. Für ein abschliessendes Urteil ist es zwar noch zu früh, aber dank eigenem Eingeständnis wissen wir bereits genug, um als vorläufiges Fazit ein bereits vernichtendes Urteil zu fällen: Der Misthaufen, den Hoeneß produziert hat, ist viel zu gross, um ihn zu ignorieren. Schon jetzt ist Hoeneß vom Modellmanager zum Vorzeigesteuersünder mutiert, quasi vom Paulus zum Saulus. Getreuder Erkenntnis, dass, wer zu lange zu nahe am Misthaufen steht, selber anfängt zu stinken, haben viele beste Freunde und -innen den Abstand vergrössert. Zwar haben die Aufsichtsratskollegen ihren Vorsitzenden bislang „vorläufig“ unterstützt, doch wenn alles vorbei ist, also das fussballerische Triple des FC eingefahren, der Jubel und das helle Licht der Feiern erloschen sein wird, geht`s ratz-fatz ans Abservieren, das ist die bajuwarische Treue plus die Erfordernisse der Compliance-Richtlinien der Konzerne.

In der Zwischenzeit gerät der ehemals grosse Hoeneß immer mehr in die Nähe jener Comicfiguren, die sich bereits über dem Abgrund befinden, sich aber noch einen Moment in der Luft halten können, bis es dann im freien Fall abwärts geht. Bei den Comics landen diese Figuren zwar unsanft, aber im Wesentlichen unverletzt. Es ist zu hoffen, dass es im Umfeld von Hoeneß auch ein Abfangpolster gibt, denn sein Fall ist steil und wird noch steiler werden. Bei pathologischen Spielern folgt der Gewinn- und Verlustphase die Phase der Verzweiflung, in der gesellschaftlicher Rückzug und Entfremdung von Freunden und Familie drohen. Im Zeit-Interview widerspricht der anwesende Sohn der Aussage, dass Hoeneß seine Spielsucht inzwischen überwunden habe.

In dem kürzlich neu verfilmten Roman „Der grosse Gatsby“ von Scott Fitzgerald geht es um die Geschichte eines gesellschaftlichen Aufsteigers, der trotz allem – im Übrigen zweifelhaft – erworbenen Reichtum und Glamour sein vergangenes Glück zu erneuern sucht – vergeblich und mit fatalem Ausgang für ihn und seine Umgebung.

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