Dem Ingenieur ist nichts zu schwör – oder von Schattenmännern und Löwenkämpfern

Es war einer dieser trüben und kalten Wintertage, an denen die Sonne keine Kraft hat, den dichten Wolkenschleier zu durchdringen und im diffusen Licht alle Konturen zu verschwimmen scheinen. Dennoch machten sich tausende von Menschen an diesem Tag auf den Weg, füllten die Busse und Bahnen, eingemummt in Wolle und Pelz besetzten sie die Plätze, standen merkwürdig angespannt und fremd herum auf den Bahnhöfen, fröstelnd die einen, bemüht heiter die anderen, die meisten ohne jegliches Gepäck, aber gemeinsam mit einem Ziel: Den RuhrCongress in Bochum.
Dort, in einem der alterslos hässlichen Zweckbauten, in dem sonst bis zu 5000 Fans zur Burlesque Show, Kabarett und sonstigen Kultur-Events von Unterhaltungsgiganten wie Cindy aus Marzahn, Bülent Ceylan und Ralf Schmitz abspannen, war am Freitag, den 18. Januar, die Jahreshauptversammlung von ThyssenKrupp angesetzt, dem Unternehmen mit dem Doppelnamen, der im Pott immer noch viele innerlich stramm stehen lässt. Nach allem, was man im Vorfeld so gehört und gelesen hatte von angeblichen Luxusreisen, Korruption, Dividendenausfall aufgrund riesiger Verluste, versprach dieser Tag eine Rocky Horror Show und verbale Schlacht zu werden. Es sollte, so die durch Stellungnahmen diverser und in herzlicher Konkurrenz einander zugetanen Aktionärsvertreter medial hochgepuschte Erwartung, das Drama „Schuld und Sühne“ gegeben werden mit Starbesetzung, und das Opferlamm stand auch schon fest: Cromme wars, und der muss weg!

Und es gab in der sich trotz immer wieder verkürzten Redezeit stundenlänglich hinziehenden Debatte tatsächlich einen Moment, in dem das grell ausgeleuchtete Podium um Cromme in Unruhe geriet. Anfangs lag sogar noch so etwas wie ein Aufstand, eine Revolution in der Luft, als ein Aktionärsvertreter unter vielstimmigen Beifall lauthals die Abwahl Crommes als Versammlungsleiter forderte. Damit, so schien es einige Minuten lang, hatte niemand im Vorfeld gerechnet. So blieben dem Antragsteller denn auch zahlreiche Minuten, um seine Vorbehalte publikumswirksam in den Saal zu rufen, ehe Cromme ihm der Mikrofonsaft abdrehte und den Antrag erst gar nicht zur Abstimmung stellte – ohne grössere Protestreaktion. Danach reihte sich Auftritt an Auftritt der bekannten Art: Sich selbst vermarktende Aktionärsvertreter, die hier etwas mäkelten, dort etwas anderes als die Meinung der Verwaltung anmerkten und im Übrigen den Vorstandsvorsitzenden Heinrich Hiesinger lobten und den Aufsichtsratsvorsitzenden ausbuhten und auspfiffen. Irgendwann wurde aber auch den Sesshaftesten unter den Kleinaktionären klar, dass sich nichts wirklich Dramatisches mehr würde ereignen können. Wie auf ein geheimes Zeichen leerten sich Auditorium und Foyer. Da waren die einschlägigen zweireihigen Blaumänner schon längst unterwegs. Was jeder sehen konnte, wussten sie rechtzeitig zu deuten: Eine deutsche HV – ein Ritual der Ohnmächtigen!

Denn noch vor dem Beginn der Hauptversammlung wurde auf der Haupttribüne ein kleines, aber erhellendes Kabinettstückchen gespielt. Es trafen nämlich peu à peu die Mitglieder des Aufsichtsrates und des Restvorstandes ein, um ihre Plätze einzunehmen. Während sich das Podium füllte, bildeten sich um Heinrich Hiesinger, der sich in den Saal begeben hatte, eine grosse Menschentraube: Fotografen, Journalisten und Aktionäre eiferten um die Wette, in seine Nähe zu kommen. Kurz darauf wandte sich der Pulk der Fotografen dem hereinschreitenden Cromme zu, der
mit routiniertem Strahlen an seinen Platz exakt in der Mitte der Bühne ging. Und dann erschien über die rückwärtige Treppe der Ehrenvorsitzende Bertold Beitz, dem Cromme entgegeneilte, um sich im vertrauten Gespräch zu zeigen. Sofort brach Hiesinger seine Tour d ́Autitorium ab, und hastete zu Beitz. Cromme machte seinen Platz rechts von Beitz frei, dirigierte Hiesinger an diese Seite, so dass Beitz eingerahmt in der Mitte stand: So endeten im Blitzgewitter alle Spekulationen über ein mögliches Zerwürfniss zwischen Großaktionär, AR-Vorsitzender und Vorstandschef noch vor dem Eintritt in die Tagesordnung. Dann saß er da, die 99jährige Inkarnation der Krupp’schen Tradition, stumm und unbeweglich und hinter stark abgedunkelten Brillengläsern blickgeschützt; so brandete die Kritik aus dem Saal an den „Herrn vom Hügel“ heran, ohne ihn scheinbar wirklich zu erreichen. Der Schatten einer grossen Geschichte legte sich noch einmal wie ein Mantel auf die durcheinander Streitenden und erstickte darunter allen aufrührerischen Aktivismus.

Ein wenig erinnerte die Szene an eine Schlüsseleinstellung aus dem Film „Kagemusha – Schattenmann“ von Akira Kurosawa, der den Zusammenbruch der mittelalterlichen Herrschaftsstruktur in Japan beschreibt. Gekennzeichnet war diese durch die absolute Loyalität der Samurai zu ihrem Fürsten. Shingen, der Fürst des dominierenden Takeda-Clans, demonstriert im Film seine Überlegenheit dadurch, dass er auch im härtesten Kampfgetümmel unbewegt auf seinem Sitz verharrt. Als er unerwartet stirbt, ersetzen ihn seine Vertrauten durch einen Doppelgänger, den Schattenmann, um so weiter die Loyalität der Samurai zu sichern und den Nimbus des „Unbeweglichen“ in der bevorstehenden Schlacht zu nutzen. Das gelingt, kann aber den Untergang des Clans nicht verhindern, weil das Geheimnis des Schattenmannes, der in Wahrheit ein notorischer Tagedieb ist, entdeckt wird und der Gegner mit importierten Schusswaffen ausgestattet die mit Schwerter und Lanzen kämpfenden Takeda-Anhänger über den Haufen schießt.

Um die Frage der Loyalität ging es in den Berichten von Aufsichtsrat und Vorstand implizit und explizit. Beschäftigte sich Cromme mit der Vergangenheit, nämlich die Entstehungsgeschichte des Projektes Steel Americas und warum es wie so kam und es nie möglich war, als Aufsichtsrat faktenbasiert früher einzugreifen, so stand implizit ein Name im Raum, der aber nirgendwo genannt wurde: Ekkehard Schulz, der ehemalige VV und „Papst“ der deutschen Stahlindustrie. Er hatte das Projekt erfunden, betreut und lange den Eindruck erweckt, es auch zu einem guten Ende führen zu können. Deswegen wurde dem damals noch liebevoll genannten „Ekki“ auch über die normale Altersgrenze hinaus der Vorstandsvertrag erneuert, damit er „sein Baby“ ans Laufen bringen konnte. Loyal, in Samuraitreue, standen ihm dabei der Aufsichtsrat und der Hügel zur Seite, bis es partout nicht mehr ging, wollte man nicht den Gesamtkonzern gefährden. Es war dann wohl Cromme, der den Bruch mit der Vergangenheit einleitete, indem er mit Hiesinger einem Mann die Führung anvertraute, der völlig unbelastet von den Verquickungen zweier in langer Tradition verwurzelten Teilkonzerne den einzig möglichen Ausweg der Seilschaft aus der Steilwand empfahl: Umkehr, Trennung von der Stahllastigkeit und volle Fahrt in die Zukunft eines Technologiedienstleisters. Flankierend dazu die Kappung alter Seilschaften und Etablierung einer neuen, auf transparenter Leistung aufbauenden Führungs- und Mitarbeiterkultur, so Hiesingers Kernbotschaften.

Mit Applaus und vielen Lobeshymnen lohnten es ihm die Aktionäre, die endlich wieder eine Perspektive für eine bessere Zukunft zu erkennen glauben. Diese ist in und auf dem Geschäftsbericht bereits sichtbar. Dort prangt in Versalien die mit ING. gemeinte neue Stoßrichtung des Unternehmens: Mit Ingenieurskunst, der Kombination aus „Intelligenz, Kreativität, Einfallsreichtum und Überzeugungskraft“ will man Zukunft schaffen, so Dr. Ing. Heinrich Hiesinger, den einige bereits ob seines kraftvollen Auftritt als „Heinrich der Löwe“ titulierten.

Der historische Heinrich war ein Vetter und anfänglich auch ein Unterstützer Kaiser Barbarossas, anfänglich. Später wurde er wegen mangelnder Loyalität gestürzt!

This entry was posted in Public Relations. Bookmark the permalink.