Glücksmomente

Die Feiern zum Einsturz der Trennungsmauer in Deutschland liegen hinter uns. Erinnerung wurde beschworen an Tage und vor allem Nächte, in denen sich scheinbar mühelos der im Deutschlandlied beschworene Glückszustand, nämlich Einigkeit und Recht und Freiheit gleichgewichtig zu verbinden, in Leipzig, Dresden und anderswo herbeidemonstriert wurde. Tage wie diese bleiben in der Erinnerung haften, bilden den Stoff für Feiern, Erzählungen, Fernsehspiele. Besonders aus der Rückschau, in dem Wissen um die immer noch ziemlich dörrigen Landschaften der sog. „neuen“ Bundesländer, deren Wirtschaftkraft trotz einem inzwischen die Billionengrenze überstiegen habenden Transferdünger und mehr als 22 Jahren um ein Drittel hinterherhinkt erscheint die Freude und das gemeinsame Glücksgefühl erst recht so unwahrscheinlich und schön.

Ähnlich verhält es sich inzwischen erkennbar auch bei der Betrachtung des Euro und dem gesamten europäischen Einigungsprojekt. Gewiss war die Einführung der gemeinsamen Währung bei weitem nicht mit euphorischen Freudenausbrüchen geschehen, gefeiert wurde in Berlin, Frankfurt und anderswo dennoch. Und es überwog auch in Deutschland die positive Stimmung, vielleicht begründet in dem Gefühl an einem historisch einzigartigen und von aller Welt mit Spannung betrachteten Experiment beteiligt zu sein. Der Katzenjammer folgte in Deutschland der Euro-Einführung auf dem Fusse, die Angleichung der Kapitalkosten auch für die bis dato mit Bonitätszuschlägen bedachten Südländer auf das niedrige Triple A Niveau z.B. Deutschlands brachte für erstere einen Investitions- und Konsumboom, für deutsche Unternehmen die Notwendigkeit, über Kostensenkungen die alte Wettbewerbsfähigkeit wieder zu gewinnen. Die Medizin für die Gesundung des damals als „kranken Mann Europas“ bezeichneten Landes wurde nicht in homöopathischen Dosen verabreicht, nein, Dr. Schröder praktizierte eine Rosskur, die dem Patienten zunächst bitter auf den Magen schlug, inzwischen aber als Wundermittel allüberall gepriesen wird.

Dennoch hat darüber nicht nur die Zustimmung zum Euro-Projekt gelitten, es hat die politische Landschaft unseres Landes nachhaltig verändert. Bis heute vermag die SPD sich nicht mit den Tatsachen anfreunden zu können, dass es genau jene von der Linken so vehement bekämpften strukturellen Reformen des Arbeitsmarktes waren, die den Wiederaufschwung ermöglichten und die die Experten nicht müde werden, den Krisenländern des Euro als Rezept für eine durchgreifende Erneuerung anzuempfehlen. Und in der Tat sind es nicht nur die Kritiker aus dem parteipolitisch linken Lager, die sich an den Reformen grundsätzlich reiben. Insgesamt hat wohl auch in Deutschland die Lebensqualität gelitten. So jedenfalls sieht es nach Auswertung von neuen Ergebnissen der Glücksforschung aus, einem noch im Verborgenen keimenden Wissenschaftszweig in der Ökonomie. Zwar werden mit Hilfe von Umfragen nunmehr auch statistisch fassbar Zusammenhänge bestätigt, die in der Alltagswahrnehmung ohnehin fest verankert sind, wie z.B. die Beobachtung, dass Geld bzw. die Verfügung über Güter und Leistungen Zufriedenheit auslöst: Geld macht glücklich. Allerdings gibt es keinen beweisbaren Zusammenhang mehr, der darauf hindeutet, dass immer mehr Geld das Glücksgefühl steigert. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe sind es andere Werte, die das Lebensglück bestimmen, z.B. Gesundheit, aber auch das Wohlergehen der Mitmenschen und der Zustand unserer Umwelt. Ein wichtiges Ergebnis ist die Bedeutung, welche Arbeitslosigkeit für die Lebenszufriedenheit ausmacht. Demnach sinkt die Zufriedenheit nicht nur während der Zeitspanne der Arbeitslosigkeit dramatisch, wichtiger ist für unsere Betrachtung die unglaublich nachhaltige Beeinträchtigung des Lebensgefühles. Die speziell mit dieser Erfahrung einhergehende Kränkung bzw. Verunsicherung ist demnach so tiefgreifend, dass sie wohl kaum mehr durch spätere Glücksmomente wett gemacht werden kann. Angesichts der hohen und insbesondere junge Leute betreffenden Arbeitslosigkeit in so vielen Euro- und europäischen Ländern werden wir uns auf einschneidende politische Auswirkungen einrichten müssen. Geniessen wir also diesen jetzigen Moment!

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