Sexit statt Grexit – oder über Sommerlöcher, Babypausen, autoritäres und anderes Schweigen

Früher habe ich mir ganz naiv die Frage gestellt, wie denn ein Sommerloch eigentlich aussieht: Ist es rund oder eckig, wie tief ist es und wohin verschwindet das oder der oder auch die, die dort hineingeraten. Natürlich habe auch ich dann irgendwann verstanden, dass es sich bei diesem Begriff nur um eine zweifellos sehr anschauliche Umschreibung des temporären medialen Blackouts der großen Politik handelte, der mit schöner Regelmäßigkeit in den Sommermonaten zu beobachten war. Denn mit dem damals noch kollektiv zu fernem Strand, nahen Bergen sowie Informationsreisen aller Art ausschwärmenden Vertreter von Exe- und Legislative ebbte zuverlässig auch der Themenstrom aus diesen Quellen ab. Es begannen dann in den Medien die großen Zeiten für kleine Bären, dünne Sprüche sowie die merkwürdigsten Ideenblüten, welche von den sogenannten Stallwachen der Parteien und Regierungsstellen gestreut und ebenso zuverlässig dann im Sommelochkomposthaufen entsorgt wurden.

Heute stehen der Sommer und demnach auch das Sommerloch kurz davor, auf die Rote Liste der bedrohten Arten gesetzt zu werden. Zumindest für die Parlamentarier im Bundestag und die wichtigen Mitglieder im Kabinett Merkel gilt, Urlaub nur in Griffweite des Handys zu machen, um jederzeit den Ruf für die Einberufung einer Sondersitzung des Parlaments nicht zu verpassen. Dreht sich doch alles immer noch um die Frage, wer wann und womit den Euro rettet, also welche EMS, EMFS, EZB, ETC. den Rettungsschirm über den Schuldenstaaten Griechenland, Spanien und immer mehr auch Italien weiter aufspannt, Schulden abkauft und weiteres Geld in den stotternden Kreislauf des Giralgeldes injeziert, der sich immer weiter auf die direkte Rettungsfinanzierung von Banken durch die Zentralbank verengt. Kurzum, die Eurokrise kokelt weiter vor sich hin. Kein Wunder, denn kaum ist es gelungen, ein wenig die Wogen der Erregung zu glätten, kommt ein fachkundig-kräftiger Rat z.B. des Herrn Söder, der von ganz weit draußen aus New York einen schnellen Ausstieg Griechenlands aus dem Euro, den sog. Grexit empfiehlt. Bayern, das ist nicht mehr die Bezeichnung für ein wichtiges südliches Bundesland, sondern ein Verb, welches spätestens seit dem Dauerpoltern von Seehofer, Dobrindt und Söder die Tätigkeit beschreibt, nach allen Seiten rücksichtslos und kraftmeierisch auszuteilen, dabei das Unmögliche sofort einfordern und anschließend das Gegenteil für richtig zu erklären.

Insoweit könnte man vermuten, dass Siegmar Gabriel durchaus als Wahlbayer durchgehen würde. Anstatt als frischgewordener Vater die Babypause zum Stillsein zu nutzen, „bayert“ auch er. Wie ein Flumi hüpft er seit Wochen durch den Themenparcours: die Reichen werden besteuert, die Banken zerlegt, der Euro gerettet, alles sofort und mit breiter Zustimmung, wenn nur die schreckliche Frau Merkel nicht da wäre und die vielen uneinsichtigen Wählerinnen und Wähler, die das immer noch nicht so ganz verstanden haben, wie das alles über sie ergehen soll, ohne Schaden in Form von weiteren Schulden, weiteren Inflationsängsten und Belastungen herauf zu beschwören. Vermutlich ist selbst in der SPD-Troika die Zustimmung für ein solches Crash-Programm bislang nur einstimmig, also mit dem ökonomischen Sachverstand eines Peer Steinbrück und der taktischen Vorsicht eines Walter Steinmeier nicht zu vereinbaren. Vielleicht war das dann einer der Gründe für die Berufung einer weiteren, diesmal uneingeschränkt zustimmenden Troika aus den zwei Philosophen Nida-Rümelin und Habermas und Bofinger als sachverständigen Ökonomen. Wunderbar wortgewaltig und stringent deduzierten sie in ihrem Auftragspapier, dass alles besser wäre, wären alle nur einig. Stören tun wieder mal nur die Investmentbanken und die Hedgefonds, denn die hätten ein „gespenstisches Paralleluniversum“ errichtet und die Politik entmachtet. Wenn man nur diese Mächte des Bösen durch eine notwendige „Selbstermächtigung der Politik“ wieder in den Griff bekommen würde, ginge es dann schon flugs weiter mit der Integration, Europa und dem Euro sowieso. Und weil das alles so überzeugend schön klingt, wird Gabriel jetzt doch noch auf Reisen gehen und sein Pamphlet mit dem Titel „Einspruch gegen die Fassadendemokratie“ überall vorstellen. Einen zuverlässigen Unterstützer hat er mit Sicherheit schon in dem Professors Monti, der auch nichts von den herkömmlichen Rechten der Parlamente in Europa hält und deswegen am liebsten ihre Einwirkungsmöglichkeiten beschnitten sähe. Und auch er hält nichts von Angela Merkel, die, wenn’s ums Geld geht, auf die Sparsamkeit der anderen pocht.

Sie selbst lebt Sparsamkeit derzeit in mannigfacher Weise vor, denn sie spart sich jedes Wort zu solchen Einlassungen. Stattdessen besucht sie wie üblich und im schon mal getragenen Kleid auch in diesem Sommer wieder Wagners Weihefestspiele in Bayreuth, wo seit Jahren anschaulich vorgeführt wird, wie eine große Herrschaft durch Hass, Gier, Rache, Liebe und Eifersucht zusammenstürzen kann. Offensichtlich genießt sie das – und schweigt! Mit Schweigen übergeht sie auch die Aufforderung des Bundespräsidenten, sich in der Sache des Euro besser und ausführlicher zu erklären. Manche deuten dies als autoritäres Schweigen, als Arroganz der vermeintlich Mächtigen. Möglicherweise befolgt sie aber auch nur die Empfehlung, dass Schweigen Gold sein kann oder, wie es der spanische Philosoph Gracian ausdrückte, ein Zeichen der Klugheit. Denn wer sich vor dem Urteilsspruch der Verfassungsrichter am 12. September zu sehr festlegen würde, könnte noch eine böse und blamable Überraschung erleben.

Manchmal denke ich, wie schön es doch sein könnte, wäre es wie in Kindertagen mal wieder Sommer mit einem schönen großen Sommerloch, in dem alle diese Debatten über Schulden, Eurorettung und die damit zusammenhängenden Probleme verschwänden: Sexit statt Grexit! Aber eben donnert es wieder, ich werde die Fenster schließen und schweigen.

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