Im Spiegel-Bild: Betrachtungen aus Anlass 60 Jahre Bild-Zeitung oder vom Leid- zum Leitmedium

Es ist schon eine durchaus bemerkenswerte Kampagne gewesen, mit der sich BILD aus Anlass des 60ten Geburtstages in Szene gesetzt hat. Frei-BILD für alle, verkündet vom übergroßen Donald auf dem Titelblatt der Jubiläumsausgabe, das rührt augenzwinkernd an selten gewordene Praktiken, wenn einer im Überschwang des Glücks als freigiebiger Spender andere an diesem großzügig teilnehmen lassen möchte. Und locker unverkrampft geht es ja in der gesamten Sonderausgabe, die an diesem Wochenende an alle deutschen Haushalte verteilt wurden, zu. Selbst ein mit kritischen Fragen gewürztes Interview mit dem „Medien-Kanzler“ Schröder endet in schöner Harmonie wie Niedertracht. Dem ohnehin schändlich aus dem Amt gejagten Bundespräsidenten wird noch eine lässige Lektion in Sachen Behandlung der Journaille erteilt: Nie persönlich mit denen reden, dazu hat man seine Leute, den ehemaligen Sprecher der Bundesregierung und AWD Bela Anda z.B., der jetzt ja wieder, honorige Causa, bei der Bild arbeitet. Und Kai Dieckmann hat sich dabei sicher ob dieser Anerkennung seiner Fürsorge seine vor Rührung beschlagenen Brillengläser geputzt. Schönes erfährt man auch über eine überaus kluge Liebe, ein Leben ohne Eitelkeit, das dem Fußball gewidmet ist und einem Mischlingshund, auf den Meistertrainer Klopp sehr stolz ist. Und so reihen sich Geschichtchen an Geschichtchen. Und als Schlussakkord eine Seite Satire und Selbstironie.

Wo ist da die tiefere Bedeutung, fragt man sich unwillkürlich, where is the beef, die camouflierte Absicht, die hidden Agenda? So staatstragend und kuschelweich hätte dies dem Stil nach auch eine Redaktionsbeilage der FAZ sein können. Friede mit Springer also? War da denn überhaupt mal was? Wenn jetzt sogar die Busenfreunde vergeblich blättern müssen, stimmt denn das Bild von Bild, wie es uns der ewig investigative Wallraff und die singenden Ärzte düster-dunkel entwerfen, noch? Sind wir wirklich alle manipulierte Meinungsträger, geklont nach dem Willen des Gröjaz (Grössten Journalisten aller Zeiten) Kai der Gegelte Dieckmann und hecheln angst- und hasserfüllt sowie tittengeil der nächsten Sau hinterher, die durchs Medienvillage getrieben wird? Ausgenommen natürlich die kleine feine Informations- und Meinungselite in Hamburg und München, die Montags wie Donnerstags immer noch ihre dicken Informationsdinger im kleineren Kreisen in die Zirkulation begibt. Ferner natürlich auch alle jene, die ihre klugen Köpfe mit Zeitungspapier von der schlimmen Welt abschützen.

Natürlich ist das Vorurteil so einfach nicht mehr zu fällen, dass BILD den Boulevard marschieren lässt und der Spiegel uns sagt, warum. Im Gegenteil hat das Hamburger Magazin wie alle anderen Medien auch inzwischen das kuschelige Leben des Bürgers mit all seinen kleinen und großen Sorgen verkaufsfördernd entdeckt: Lebenshilfe, Homestorys, Bilderstrecken ohne Ende und dann und wann wieder ein Kochrezept dazwischen. Personalisierung und Emotionalisierung als Mittel der Erklärung komplexer Sachverhalte prägen heute auch die so genannten Qualitätsblätter. Und im Bollwerk der Bildung, dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk + TV muss man die politischen Erklärstücke zwischen Maul- und Plaudertaschen und pädagogisch wie cineastisch wertvollen Mordorgien inzwischen investigativ suchen oder gleich in den feuilletonistischen Wurmfortsätzen ARTE oder PHÖNIX überwechseln.

In einer Zeit, in der nach Meinung von Beobachtern Politiker und andere Verantwortungsträger vollends zu „Angestellten der veröffentlichten Meinung“ mutiert sind, tritt BILD neuerdings als fordernder Arbeitgeber in Erscheinung. Im Falle des Freiherrn wurde eindrucksvoll ein Karrieremodell des schnellen Aufstiegs vorexerziert. Nur schade, dass da ein paar unkalkulierbare Professoren mit ihrem Plagiatsverbot dazwischen kamen. Um so notwendiger war es daran anschliessend, mit dem Wulff die Abwärtsvariante des BILD-Paternosters zu demonstrieren. Und alle anderen Medien haben abgeschrieben, von der FAZ bis taz und Spiegel. So kam es auch, dass wir nach Papst dann auch Gauck wurden. Wenn ein Medium die Themen bestimmt, die andere dann aufgreifen müssen, nennt man das dann Leitmedium. BILD repräsentiert damit inzwischen in hohem Maße die Qualität des deutschen Journalismus. Ein weiter Weg vom Leid- zum Leitmedium und man fragt sich, wer dabei den weiteren Weg gegangen ist, um sich anzupassen, die Zeitung oder die Gesellschaft.

Ob wir jetzt schon BILD sind, und wenn ja, wieviele und ob wir es auch bleiben, das wird sich bald entscheiden. Denn eine Feier zum 60ten ist oftmals im normalen Berufsalltag die nette Vorstufe zur Rente. Den Chefredakteur von BILD hat man offiziell zwar noch nicht dorthin geschickt, aber bereits zu einer „Auszeit“ mit Ausbildung ins tiefe Tal nach California. Da soll er mal sehen, wie man heute Portale zimmert, Infos verlinkt und so den Usertraffic auf den Websites steigert. Und wenn er dann mit viralem Marketingwissen angereichert zurückkommt, steht ihm wohl die ganze Welt offen! Bis dahin herzlichen Glückwunsch!

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