Das Wulffen, Dada oder ob eine Pfeife eine solche ist

Das Jahr 2012 fängt trübe an, auch wenn uns viele Weisssager Optimismus eintrichtern wollen. Der Euro sinkt, die Schulden Griechenlands und anderer Länder im Sonnengürtel Europas steigen und mit ihnen auch unsere Forderungen. China kauft verhaltener und produziert teurer, die alten Zündler fachen das Feuer an, im Golf, in Syrien; Christen werden in Afrika verfolgt, die Fanatiker nagen nun auch in Israel am Ordnungsrahmen und die Arabellion wird in die Gefängnisse und die Gerichtssäle geprügelt. Ein global vernetzte Weltbürger könnte also Sorgen haben, sich tiefgründige Gedanken machen, z.B. ob dies schon tatsächlich nicht nur Fin de Siecle, sondern, wie es die Mayas vor langer Zeit prophezeit haben, das Ende aller Zeiten sein wird.

Und wir? Wir sorgen uns um Wichtigeres, nämlich darum, ob wir bei unserer Bank auch zu Wulff-Konditionen umschulden können, suchen fieberhaft in unseren Adressbüchern nach Freunden, aus der Schweiz vorzugsweise, die uns über die gerade im Januar so schmerzlich regelmässig auftauchenden Miesen auf dem Dispo eine rollierende Brückenfinanzierung anbieten wollen. Alternativ tauchen gewissermassen als Bazooka Überlegungen auf, die Übernachtungsgäste mit dem Standardsatz nach der sog. „Schaustentabelle“ von 150 € + Weihnachtszuschlag und Düsseldorfer Kö-Taxe nachträglich zur Kasse zu bitten. Diese Gedanken gehen allerdings auch gleich wieder unter im Hinblick auf dann mögliche Gegenforderungen.

Zur Ablenkung wenden wir uns wieder dem Weltereignissen zu wie der Frage, ob unser aller Präsident bei seinem Sprechangriff auf den AB des Bild-Chefs mit seiner Rubikon-Bemerkung nun sich oder Dieckmann mit Cäsar verglichen hat. Bekanntlich wurde der Römer ja zunächst einmal sowas wie ein Bundespräsident, bevor er dann von einem gewissen Auftragskiller Brutus und anderen Parteifreunden gemeuchelt wurde. Wegen dieses finalen Ausgangs der Geschichte ist es der vielleicht Wulff-üblich raffiniert verdeckte Wunsch gewesen, Dieckmann in die Rolle Cäsars zu bugsieren. Vielleicht war das ja auch der geheime Vorschlag an VV Döpfner gewesen, denn auch Wulff weiss ja nun, was wir alle bereits wussten: Nicht die Kanzlerin ernennt die Minister, nicht die Bundesversammlung wählt den Präsidenten, nein es ist die vierte Gewalt, das Sturmgeschütz der Oligarchie, unsere Meinungs-Bild-Zeitung, mit der man nach „oben“ fährt, oder eben runter. Und wenn denn jemand nicht so pariert und den Plan stört, wie im Fall Guttemberg, dann plagiiert man das eben und zeigt der Mutti, wo es lang geht! Noch einmal lässt man sich nicht überraschen wie beim nicht ordentlich abgesprochenen Abtritt des Monster-Horsti!

Und wo bleibt jetzt das Positive? Zunächst einmal die Selbstauskunft unseres Bundespräsidenten. Er sagt ja selbst, dass er gut ist. Eigentlich, und die Abweichungen vom geraden Weg sind ihm ja auch peinlich, wenn sie entdeckt werden, das verstehen wir doch gut, zumal er ein hohes Amtsverständnis hat; und muss sich nicht jeder von uns nach der Decke strecken, sammelt Rabattmarken, guckt nach den günstigen Gelegenheiten, jagt den Schnäppchen nach? Wer könnte denn auch z.B. dem strahlenden Lächeln einer Bettina Körner widerstehen, es sei denn mithilfe des Einsatzes taktischer Wahrheiten? Nein, nein, wir sind alle kleine Sünderlein, so singts der Volksmund entlang der Rheinschiene im Brustton gradlinigen Schuldbewusstseins. Schade nur, dass unser Wulff so protestantisch verkniffen daher kommt. Statt zu den Emiren im Nahen Osten sollte er zu den Prinzen und Prinzessinnen im nahen Westen kommen. Da wird geschunkelt und gelacht, denn da ist Karneval und Fassenacht. Und da hat man Verständnis, wenn die Freunde, die hier Pfründe heissen, zusammenstehen, wie es nach altem Brauch besungen wird: „Gute Pfründe/ stehn zusamme….“ In diesem Sinne, Herr Bundespräsident, stellen Sie sich zu den Narren!

Ein PS für die Karnevalsmuffel

Zwei sehenswerte Ausstellungen in der Albertina, Wien, sind dem Surrealismus gewidmet. Die grosse Magritte – Ausstellung und die Drucke aus der bemerkenswerten Gilbert Kaplan Sammlung zeigen Werke aus einer Epoche, deren Schockwellen bis heute spürbar sind. Nach dem Verschwinden der Ordnungssysteme in Europa im Orkus des ersten Weltkriegs, den Revolutionen in Russland, Italien, den aberwitzigen Auswüchsen der Inflation hierzulande schien alles aus den Fugen geraten zu sein. Unter Schutt und Asche gärte und glühte es. Neues entstand und verschwand auch wieder. Künstler schwangen sich auf zu Schamanenkündern neuer Zeiten. Die kalkulierend-wägende Vernunft galt nichts mehr, taumelnde Erotik und kraftmeierisch überwältigende Naivität ging über alles. Aus grellen Farben, zersplitterten Perspektiven und aufs Lineare ausgeleerte Flächen schufen Maler im Gestus von Genies deformierte bzw. gänzlich neue hybride Körperbilder. Bei Dada und der später Surrealismus bezeichneten Kunstrichtung ging es auch um die zentrale Frage der Kommunikation, nämlich wie Wirklichkeit, insbesondere ihre neu entdeckten sinnlichen Seiten in Formen gekleidet und sichtbar, erfahrbar und dadurch mitteilbar gemacht werden kann.

Im kollektiven Gedächtnis steht für diese Fragestellung ein Bild Magrittes, das in verschiedenen Variationen in den Ausstellungen zu besichtigen ist. Dieses zeigt die Abbildung einer Pfeife und den Satz „Ceci n`est pas une pipe“. Vielleicht machen wir ja gerade mit Herrn Wulff eine vergleichbare surrealistische Erfahrung.

This entry was posted in Public Relations. Bookmark the permalink.