Sounds of Silence

Wieder und wieder haben wir anlässlich des zehnten Jahrestages von Nine-eleven die Bilder gesehen, die eine Zeitenwende markieren. Eingegraben in das kollektive Gedächtnis sind die Szenen, wie gegen den unwahrscheinlich azurfarbenen klaren Herbst-Himmel sich die Feuerbälle an den Twintowers entzünden und diese wie Kerzen erst in Zeitlupe und dann immer schneller in sich zusammenstürzen. Die Kameras, die zunächst per Zufall und dann beim zweiten Flugzeugeinschlag schon in Position gebracht diese Bilder einfangen, sind allerdings zu weit entfernt, um den infernalischen Lärm mitzuteilen, der die Einschläge und das Zusammenstürzen der Türme begleiteten. Eine entfernte Ahnung geben uns die Schreckensschreie der Davonrennenden und die Berichte über die seismographischen Ausschläge, die rund um den Globus den Augenblick festhielten, als die Türme Stockwerk um Stockwerk in irrwitziger Beschleunigung zusammenklumpend in sich in einer riesigen Staubwolke versanken, die wie eine Walze durch die Strassenschluchten schoss. Wie Zombies rannten daraus die vom Staub grauen Leiber davon und über allem segelten in verstörendem Kontrast langsam Tausende Papiere wie ein Schwarm merkwürdig geformter Vögel lautlos sacht.

Jeder erinnert sich anders an die Gedanken und ersten Eindrücke, die mit den Bildern erneut wachgerufen wurden. Bei mir waren es eine Mischung von ungläubiger Fassungslosigkeit, Trauer und Besorgnis. Ich sah die Live-Bilder im Büro meines Chefs und uns war klar, dass die Ereignisse eine gewaltige Welle an den Märkten auslösen würde. Ich hörte mich sagen, dies sei das Ende der Globalisierung. Mit den neuen Nachrichten über den Anschlag auf das Pentagon, weiteren Crashs und Meldungen über weiteren Flugzeuge im Anflug auf Washington und New York wuchs die Angst vor einer unkontrollierbaren Bedrohung ins schier Unvorstellbare. Wer hätte auch bis zu diesem Zeitpunkt ernsthaft daran denken können, dass die einzig verbliebene Supermacht der Welt, die es nach Aussagen ihres Verteidigungsministers dank technischer Überlegenheit mit Leichtigkeit an vielen Orten der Welt gleichzeitig Krieg zu führen in der Lage wäre, so tief verwundbar auf eigenem Terrain sein könnte.

An dem Gesichtsausdruck Präsident Bushs ist diese ungläubige Fassungslosigkeit beim geflüsterten Empfang der Schreckensnachricht ausdrucksstark abzulesen gewesen. Den Wechsel von einer Märchenonkelrolle im Kreis von fröhlichen Kindern zu dem an Leib und Leben bedrohten obersten Kriegsherrn in einem möglicherweise schon fortgeschrittenen Angriff auf die Nation hätte wohl nur ein professioneller Schauspieler mediengerecht gemeistert. So hat alle Welt Anteil nehmen können an der Überraschung und dem Prozess der Entscheidungsfindung. Aus damaliger Sicht schien ja nichts unmöglich zu sein, nicht nur das Leben des Präsidenten, auch weitere prominente Symbolziele der USA schienen gefährdet zu sein, jedenfalls solange, wie immer noch Flugzeuge als potentielle Waffen in der Luft waren. Ein solcher Fall war weder geprobt, noch im Kalkül der Geheimdienste und des Militärs vorhanden. Schliesslich war zu diesem Zeitpunkt auch noch nicht klar, wer hinter den Anschlägen steckte. Immerhin schien es auch möglich, dass irgendeine Land aus der Achse des Bösen, die von Nordkorea bis Kuba reichte, seine Geheimdienstfinger mit im Spiel hatte. Wer weiss, ob der Präsident mit dem Gedanken beschäftigt war, den 3. Weltkrieg erklären zu müssen. Aus der scheinbar sicheren räumlichen Distanz und nunmehr mit den Gewissheiten ausgestattet, die wir im Nachhinein gewonnen haben, lässt sich leicht räsonieren.

Erst im späteren Verlauf des Tages, als die schrecklichen Ereignisse sich nicht mehr steigerten und klar wurde, dass es bei den Anschlägen auf New York und Washington bleiben würde, setzte die Trauer ein im Gedenken an die bewegenden Schicksale der Menschen, die nicht mehr gerettet werden konnten und sich von ihren Lieben verabschiedeten, die besonnenen Rettungstaten mutiger Feuerwehrmänner sowie Zufallsretter, die beherzt eingriffen, um Leben zu retten. Trauer aber auch über den Verlust eines Ortes, der nun nie mehr gezeigt werden konnte, Trauer um die Unwiederbringlichkeit, im Restaurant Windows of the World mit dem unvergleichlichen Blick auf die City und das Meer zu speisen, was ich mir vorgenommen hatte, mit meiner Familie zu wiederholen. Trauer auch über den Verlust an selbstverständlich empfundener Sicherheit. In meinem Büro hingen später Fotografien, die Max Jacoby von New York gemacht hatte, in einer glücklicheren Zeit. Eines zeigte im Hintergrund die Twin Towers.
Ich glaube, die Bilder hängen immer noch am gleichen Ort. Ich habe sie hinter mir gelassen.

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